Im Mittelpunkt standen die nächsten Schritte der Digitalisierung der Energiewirtschaft. Nach dem Erreichen der ersten gesetzlichen Smart-Meter-Rolloutquote rückten vor allem Fragen zum Vollrollout, zur Steuerbarkeit dezentraler Anlagen, zu neuen regulatorischen Anforderungen und zu zusätzlichen Geschäftsmodellen in den Fokus.
“Die Diskussionen haben gezeigt, dass sich die Perspektive auf Smart Metering verändert", erklärt Dr. Fritz Wengeler, Geschäftsführer von smartOPTIMO. “Es geht längst nicht mehr nur darum, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Die Unternehmen beschäftigen sich zunehmend damit, wie sie die aufgebaute Infrastruktur für Netz, Vertrieb und neue Produkte nutzen können.”
Zwischen Vollrollout und Smart Meter Light
Einen Schwerpunkt bildete die Debatte über die künftige Ausgestaltung des Smart-Meter-Rollouts. Während in der Politik über eine zusätzliche Smart-Meter-Light-Lösung diskutiert wird, wurden auf dem Forum unterschiedliche Positionen deutlich.
Dr. Kai Roger Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter Energiewirtschaft beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU), plädierte dafür, den Rollout weiter zu denken. Der VKU diskutiert mit seinen Mitgliedern einen vollständigen Smart-Meter-Rollout als Zielbild. Gleichzeitig stellte er infrage, ob Smart Meter Light die richtige Antwort auf den Wunsch der Politik nach einem schnelleren und günstigeren Rollout ist.
Dennis Laupichler, Referatsleiter Digitalisierung der Energiewirtschaft beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), sprach sich klar gegen eine zusätzliche Smart-Meter-Light-Parallelinfrastruktur aus. Aus Sicht des BSI bietet die bestehende, zertifizierte Infrastruktur bereits die Grundlage für die weitere Skalierung. „Diese Alternativtechnik wird nicht die Lösung sein, sie beschleunigt nicht, sie vereinfacht nicht und sie wird auch nicht günstiger sein“, sagte Laupichler. Statt einer Parallelinfrastruktur setzt das BSI unter anderem auf die 1:n-Anbindung mehrerer Zähler an ein Smart-Meter-Gateway sowie auf massentaugliche Backend-Systeme und Prozesse.
Zurückhaltender positionierte sich der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Geertje Stolzenburg, Fachgebietsleiterin Energiewirtschaftsrecht beim BDEW, machte zwar deutlich, dass der Verband die politische Debatte um Smart Meter Light durchaus kritisch sieht. Der eigentliche Fokus müsse darauf liegen, erneuerbare Anlagen zuverlässig und schnell in das Energiesystem zu integrieren.
Dennoch wolle sich der Verband der Diskussion nicht verschließen. „Wir werden das als BDEW konstruktiv begleiten“, erklärte Stolzenburg. Ihr Verband wolle sich dazu auch mit dem VKU abstimmen.
Neue Quoten und steigender Steuerungsbedarf
Auch die regulatorische Entwicklung spielte eine zentrale Rolle. Nach dem Vorschlag der EU-Kommission sollen mindestens 50 Prozent der Letztverbraucher bis Ende 2030 und 75 Prozent bis Ende 2033 mit Smart Metern ausgestattet sein. Für Mitgliedstaaten mit einer Ausstattungsquote von unter 30 Prozent bei Inkrafttreten – voraussichtlich auch Deutschland – würden verlängerte Fristen bis Ende 2031 beziehungsweise Ende 2034 gelten. Der Vorschlag befindet sich noch im europäischen Gesetzgebungsverfahren.
Parallel zeichnen sich in Deutschland weitere regulatorische Anpassungen ab. Im Fokus steht insbesondere die Verknüpfung von Smart-Meter-Einbau und Steuerung. Der BDEW erwartet noch 2026 Änderungen, um die Anforderungen praxistauglicher auszugestalten.
Das BSI machte zugleich deutlich, dass der Steuerrollout nicht hinter der Diskussion um zusätzliche Messlösungen zurücktreten dürfe. Feldtests und Piloten seien bereits angelaufen, nun müsse der nächste Schritt in Richtung Massenprozess erfolgen.
Stadtwerke prüfen neue Geschäftsmodelle und Vollrollout
Neben regulatorischen Fragen standen konkrete Erfahrungen aus Stadtwerken im Mittelpunkt. BET Consulting und SWO Netz untersuchten 22 Anwendungsfälle eines weitergehenden Rollouts. Einen einzelnen dominierenden Anwendungsfall identifizierten die Projektpartner nicht. Der Nutzen entsteht nach ihrer Analyse vielmehr aus vielen kleineren Effekten – etwa weniger Klärfällen, Fernauslesung, höherer Netztransparenz und effizienteren Prozessen.
Die Stadtwerke Flensburg stellten ihre Entscheidung für einen Vollrollout vor. Ausschlaggebend waren neben der wirtschaftlichen Betrachtung auch Prozessvorteile und zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten der Gateway-Infrastruktur. Zugleich zeigte das Praxisbeispiel, dass Einbauprozesse, Schnittstellen und IT-Systeme für einen schnellen Hochlauf ausreichend skalierbar sein müssen.
Smart Metering als Plattform für neue Angebote
Auch neue Geschäftsmodelle auf Basis der Smart-Meter-Infrastruktur rückten in den Mittelpunkt. Manuel Lösch von InnoCharge und Thies Stillahn von Exnaton zeigten, wie sich Kleinflexibilitäten wie Elektroautos, Speicher, Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen in neue Tarif- und Produktmodelle überführen lassen. Je nach vorhandenen Flexibilitäten bezifferte Lösch den technisch erschließbaren Flexibilitätswert auf rund 200 bis 1.500 Euro je Kunde und Jahr. Voraussetzung seien skalierbare Prozesse für Steuerung, Handel, Abrechnung und Kundenzugang.
Sebastian Korstick von den Stadtwerken Essen bezeichnete den Smart Meter aus Vertriebssicht nicht als Produkt, sondern als Infrastruktur für neue Angebote. “Wir sehen das gar nicht als Pflicht, sondern wirklich als Geschenk, wenn wir eine Infrastruktur bekommen, auf der wir als Vertrieb Geschäftsmodelle aufsetzen können”, sagte Korstick. Entscheidend sei, die wachsende Komplexität nicht an die Kunden weiterzugeben, sondern Produkte und Prozesse durch Digitalisierung einfacher zu machen.
Auch die Stadtnetze Münster brachten ihre Erfahrungen aus der Netzpraxis ein. Geschäftsführer Franz Süberkrüb stellte dabei insbesondere die Kommunikation mit Mitarbeitenden und Kunden heraus: „Man kann nicht genug kommunizieren.“ Gerade mit Blick auf Steuerung und neue Anforderungen müsse erklärt werden, warum Veränderungen notwendig sind und welchen Nutzen sie haben.
Kooperation und Austausch
“Genau dafür ist das Forum gedacht: unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und aus regulatorischen, technischen und wirtschaftlichen Anforderungen gemeinsame Lösungen zu entwickeln”, so Wengeler. “Stadtwerke müssen diese Aufgaben nicht alleine lösen. Kooperation und der Austausch im Netzwerk werden mit jeder neuen Rollout-Stufe wichtiger.”
Im smartOPTIMO-Netzwerk arbeiten inzwischen rund 80 Stadtwerke mit zusammen rund 4,5 Millionen Stromzählpunkten. Das Forum Netz & Vertrieb bringt Stadtwerke, Verbände, Behörden, Technologieanbieter und Partner zusammen.
Die nächsten smartOPTIMO-Netzwerktage finden vom 20.-22. September 2027 erneut in Osnabrück statt.
https://smartoptimo-netzwerktage.de/